Mini-Manufaktur

Für Kinder gedacht, für Erwachsene gebaut: Bernd Pennewitz fertigt legendäre Porsche-Replikas – im Miniaturformat und mit Elektroantrieb.

Eine alte Journalistenweisheit sagt: Kinder und Tiere gehen immer. Dem Charme, der von einem herzigen Baby oder einem treu blickenden Hund ausgeht, kann sich kaum jemand entziehen. Kommt ein Sportwagen hinzu, zum Beispiel ein Porsche, landet man automatisch bei Bernd Pennewitz und seinem Nachwuchs in Lüdersfeld im Landkreis Schaumburg in Niedersachsen.

Jungen bevorzugen Technik, spielen mit Autos. Mädchen folgen sozialen Impulsen und füttern Puppen. Sagt man. Die Töchter von Bernd Pennewitz stellen das jahrhundertealte Klischee auf den Kopf: Als Kinder fahren sie Porsche.

Fahrerbesprechung:

Fahrerbesprechung:

Die Testpiloten Paul und Ida (von der Redaktion mitgebracht) machen sich vor Bernd Pennewitz’ Manufaktur mit der Technik des Miniatur-Porsche 356 vertraut.

Vater Pennewitz, schon im Jungenalter begeisterter Sammler von Wiking-Autopreziosen, war im Jahr 2000 der Idee nachgegangen, seine persönliche Leidenschaft für Modellfahrzeuge in die Puppenstube der Familie anzupassen. Heraus kam – zwei Jahre später – ein silberner James-Dean-Porsche 550 Spyder, ein 160 Zentimeter kurzes, elektroangetriebenes Miniautomobil, exakt maßstabs- und detailgetreu nachgebildet vom hochklappbaren Heck über Miniaturinstrumente bis hin zum Zündschloss rechts vom Lenkrad. Seitdem ist der Grafikdesigner und Inhaber einer Designagentur mit seinem Spezialgebiet Porsche-Klassiker im Maßstab 1 : 2,3 eine Legende unter Modellbauern.

Dabei sollte der Spyder ursprünglich ein Einzelstück bleiben. Doch ermuntert vom Feedback auf den Prototypen entschloss sich Pennewitz zum Serienbau. Die Manufaktur richtete er in seinem 120 Jahre alten Bauernhaus in Lüdersfeld ein. Einzige Klippe: Die Porsche-Lizenzabteilung wollte vor dem Produktionsstart binnen drei Wochen nicht nur ein fahrfähiges Exemplar sehen, sondern gleich zwei. Warum? „Als Beweis dafür, dass ich das packe und kein Träumer bin.“ Doch als er seinen Spyder in Stuttgart vorfuhr, war der Lizenzvertrag reine Formsache: „Ich musste den zweiten Wagen nicht einmal aus dem Auto laden.“

Alles in Handarbeit:

Alles in Handarbeit:

Pennewitz in seiner Werkstatt.

Pennewitz ging aufs Ganze. Für die Anschubfinanzierung seines Start-ups sorgte der Verkauf seines echten Porsche 356. Technische Vorkenntnisse, handwerkliches Vermögen „waren irgendwie vorhanden“. Beim Karosseriebau halfen seine Erfahrungen mit Designobjekten für Werbung und Messebau. Die Urform der Außenhaut des 550 Spyder schälte Pennewitz aus einem Hartschaumblock: „Wegschneiden, schleifen, weiter reduzieren – zuerst mit der Kettensäge, dann mit immer feineren Werkzeugen.“ Die eine modellierte Wagenhälfte übertrug er mit Schablonen auf die andere. Das Chassis entstand am Computer, Grundplatte und Fahrwerkskomponenten fräste ein Laser aus Stahl und Aluminium. Die Antriebsfrage löste sich praktisch von selbst: Ein Verbrenner war aus Sicherheitsgründen tabu. Pedale fielen flach, weil der Mini-Porsche für strampelnde Kinderbeine zu niedrig ist. Ein passender E-Motor war schnell gefunden. „Es bedurfte viel Feinarbeit, bis Elektroantrieb und Mechanik miteinander harmonierten. Aber natürlich bin ich stolz darauf, dass ich im Grunde den ersten E-Porsche in Serie gebaut habe“, sagt Pennewitz mit einem Augenzwinkern.

Was der Ein-Mann-Manufaktur für die Serienfertigung fehlte, war ein Zulieferernetzwerk, zumal Pennewitz mit dem 356 Speedster ein zweites Modell entwickelte. Für die Herstellung der Kunststoffkarossen fand er kompetente Dienstleister, aber die Lackierarbeiten bereiteten ihm schlaflose Nächte: „Kunststoff zu lackieren ist eine Königsdisziplin in diesem Handwerk. Ich habe Jahre nach einer fähigen Firma gesucht.“ Nicht minder aufwendig war die Recherche nach Blinkergläsern, Rädern oder anderen Spezialteilen. Vieles davon konnte Pennewitz mithilfe seiner Frau über das Internet aufstöbern, um es später anzupassen. Gar nicht zu bekommen waren zum Beispiel Scheinwerferabdeckungen. Die musste er selbst formen und aus thermoplastischen Kunststoffen gießen lassen.

Wie aber verkauft Pennewitz seine Preziosen? „Das Kundenspektrum ist überraschend breit“, sagt er und fügt hinzu, Diskretion sei in diesem Geschäft natürlich Ehrensache. Kaum verwunderlich: Der Grundpreis für seinen 356 liegt bei 10.000 Euro – ein Gutteil der Flotte dürfte daher von Kindern zügig über parkähnliche Anwesen in Amerika oder im arabischen Raum pilotiert werden. Doch Pennewitz betont, dass er seine Modelle ausdrücklich nicht als Kinderautos anbietet – zum einen, weil dies aus Haftungsgründen problematisch wäre. Und zum anderen, weil erstaunlich viele Abnehmer Erwachsene sind, die sich schlicht in einen der kleinen Klassiker verliebt haben. „Einer unserer ersten Käufer war ein Mann, der unseren Stand auf der Techno Classica in Essen stürmte und nur begeistert schrie: ‚Den will ich haben, wo muss ich unterschreiben?‘“, erinnert sich Pennewitz. Andere Interessenten entpuppten sich als Besitzer eines 356, die sich eine exakte Minikopie neben das Original stellen wollten.

Bis heute hat Pennewitz mehr als 150 Autos gefertigt, darunter Exemplare des ebenfalls legendären Porsche 904 GTS. Natürlich habe er auch überlegt, ob er sich an den 911 wagen solle. Doch dafür hätte er einen Sponsor gebraucht, der wie beim 904 die gesamte Entwicklung finanziert. Pennewitz möchte sein Werk in jüngere Hände geben und sucht jemanden, der sich dem mit ebensoviel Herzblut und Leidenschaft widmet wie er selbst. Der Mann, der nie in einem seiner Autos gesessen hat, will sich dennoch weiterhin den Spaß daran erhalten. Auch wenn sie von Lüdersfeld hinaus in alle Welt gehen: Jedes einzelne seiner Kleinode baut Bernd Pennewitz letztlich für sich selbst.

Zündschloss rechts?

Zündschloss rechts?

Natürlich, denn dort saß es auch beim originalen Porsche 550. Selbst Instrumente und Speichenlenkrad des Mini-Spyder folgen bis ins Kleinste dem großen Vorbild.

Rakete mit 45 km/h

Spielzeug oder Modellfahrzeug? Die Übergänge bei selbstfahrenden Kinderfahrzeugen sind fließend. Unabhängig von ihrer Motorisierung gilt, dass die kleinen Flitzer allesamt nur über Privatgrund fahren dürfen. Werden sie explizit als Spielzeuge vermarktet, erreichen sie in der Regel aus versicherungstechnischen Gründen bestenfalls Schrittgeschwindigkeit, das heißt, bei 8 km/h wird abgeregelt. Pennewitz’ Porsche dagegen zischen mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 20 km/h über den Asphalt. Was in seinen Modellen noch an Reserven steckt, hat Pennewitz 2010 selbst ausgelotet: Auf Wunsch eines Kunden tunte er einen seiner Spyder für das traditionelle Kinderrennen Little Big Mans in Le Mans. Ein leistungsfähigerer Motor, eine größere Batterie und breitere Reifen machten dieses spezielle Exemplar 45 km/h schnell – oder, wie es Pennewitz’ testfahrende Tochter damals ausdrückte: zu einer „Rakete“.

Frank Giese
Frank Giese
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