Roxy vs. Grello
In der IMSA-GTD-Pro-Klasse verfolgen die Fans seit dieser Saison ein besonderes Duell zweier Porsche-Kundenteams: AO Racing, der aufstrebende Newcomer, gegen Manthey, den etablierten Experten im GT-Sport. Beide schicken außergewöhnliche Rennwagen an den Start. Beide wollen den Sieg – doch gehen sie dafür ganz unterschiedliche Wege.
Roxy fährt mit gefletschten Zähnen, doch der Grello lässt sich nicht beeindrucken. Es ist dunkel in Sebring. Das Zwölf-Stunden-Rennen der IMSA-WeatherTech-Sportwagen-Meisterschaft auf der geschichtsträchtigen Buckelpiste in Florida ist eine harte Prüfung für Mensch und Maschine. Und der zweite Lauf eines Duells, dem viele Fans entgegenfiebern: AO Racing gegen Manthey. In dieser Saison treffen sich die beiden Porsche-Kundenteams zum ersten Mal in der GTD-Pro-Klasse auf der Rennstrecke. Und mit ihnen die wohl berühmtesten Porsche 911 GT3 R der Welt – der pinke Roxy in Vertretung des dinosauriergrünen Rexy vom Team AO Racing gegen den gelb-grünen Grello von Manthey. Das gleiche Rennwagenmodell, aber zwei Porsche-Kundenteams mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Beide Teams sind sich schon auf der Rennstrecke begegnet, bei den 24 Stunden von Le Mans etwa, aber noch nie mit reinen Profifahrerpaarungen wie jetzt in der IMSA. Dort werden die Fans jetzt Zeugen eines Spitzenduells.
AO Racing – mit Fantasie zur Erfolgsgeschichte
Mit den Rennwagen Rexy und Roxy ist AO Racing in Nordamerika bereits dort, wo die deutschen Herausforderer von Manthey noch hinmöchten: auf der Poleposition bei den Fans. Das unkonventionelle Dinosaurierdesign des Rennwagens und seiner Mannschaft hat die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert. Selbst die zahlreichen Werksteams können der gelungenen Inszenierung nur staunend zusehen: Kein anderes Team hat im IMSA-Fahrerlager so viele Anhänger, nirgendwo bilden sich vor den Merchandising-Ständen und bei den Autogrammstunden längere Schlangen – dann feiern Menschen aller Altersklassen mit den aufblasbaren Dino-Figuren eine Motorsportparty.
Kreatives Design:
Mit dem Dinosauriermaskottchen hat AO Racing einen Hype ausgelöst. Unten: Rennfahrer Alessio Picariello signiert einen LEGO®-Technic-Bausatz von Rexy.
Dabei ist die Erfolgsidee eher zufällig entstanden. AO Racing, gegründet von Phillip Jeffrey („P. J.“) Hyett und Gunnar Jeannette, blickt auf eine kurze Geschichte zurück: Der IT-Unternehmer Hyett aus der Nähe von Chicago und der in Florida geborene Rennfahrer Jeannette haben sich Anfang 2022 bei Porsche Track Days kennengelernt. „Da ist P. J. mit seinem 911 R immer im Drift um die Kurven geflogen“, lacht Jeannette. „Offensichtlich hatte er noch wenig Erfahrung im Umgang mit Rennwagen, aber eine Menge Fahrzeugbeherrschung und natürliches Talent.“ Kurz darauf bat Hyett vor einem Familientrip zu den 24 Stunden von Le Mans bei Jeannette um Reisetipps. „Ich habe zurückgefragt, ob er nur zuschauen oder doch lieber an einem Rahmenrennen teilnehmen möchte.“ Die Antwort war klar, die Starts in der Porsche Sprint Challenge verliefen überzeugend: Gleich im ersten Rennen fuhr P. J. in die Top zehn seiner mit 40 Fahrzeugen stark besetzten Gruppe.
Das Erlebnis diente als Initialzündung. Jetzt wagte Hyett den Aufstieg in einen 911 RSR, der gemeinsame Start mit Jeannette beim Finale der FIA-Langstrecken-WM in Bahrain führte die beiden aufs Podium. „Zu dieser Zeit reifte bei P. J. die Idee eines eigenen Rennstalls – was ich ihm zunächst ausreden wollte“, erinnert sich Jeannette und lacht: „Glücklicherweise ist mir das nicht gelungen.“ Die beiden US-Amerikaner gründeten Ende 2022 AO Racing. Vor dem Auftaktrennen in Daytona fragte Hyett seine damals drei und fünf Jahre alten Kinder, wie er seinen Helm gestalten sollte: Der Sohn träumte von einem T-Rex-Motiv, die Tochter von einem Einhorn. Beide Wünsche gingen in Erfüllung. „Nach Daytona saßen wir zusammen und diskutierten über die Fahrzeugfolierung für Sebring – dann meinte P. J. plötzlich: ,Warum verwandeln wir den Rennwagen nicht in einen Dino?‘ Mir gefiel die Idee!“
Teamchef:
2022 gründete Gunnar Jeannette (oben) das Team AO Racing zusammen mit Phillip Jeffrey Hyett.Die Umsetzung gelang perfekt. Beim nächsten Rennen in Sebring blickten die Zuschauer erstmals auf Rexys ungewöhnliche Frontpartie mit den scharfen Zähnen – und waren begeistert von dem Rennwagen, der aus einem Marvel-Comic stammen könnte. Seither setzt AO das Design konsequent um. Das Thema spiegelt sich in den Fahreranzügen und -helmen, in den Overalls der Mechaniker und der Ausstattung des Teamzelts. Der Rennwagen entwickelte einen eigenständigen Charakter, dessen Geschichte Hyett und Jeannette immer weiterspinnen – mit sichtlichem Vergnügen. Nach einem Auffahrunfall erhielt Rexy für das nächste Rennen eine Zahnspange. Seit dem Titelgewinn in der IMSA 2024 blitzt im Gebiss des grünen 911 ein Goldzahn. Und beim Saisonfinale auf der Road Atlanta, terminlich nahe am amerikanischen Gruselfest Halloween gelegen, trat das komplette Team mitsamt den Rennwagen in schwarz-weißer Skelettverkleidung an. Gunnar Jeannette hat sich 2025 sogar seinen privaten 911 GT3 (992) von Porsche Sonderwunsch mit Dino-Elementen veredeln lassen.
Rexy hat sich zur globalen Marke entwickelt. Das Merchandising-Programm lässt vom T-Shirt über Modellautos bis zu Plüschtieren kaum etwas vermissen. Selbst als LEGO®-Technic-Bausatz steht er weltweit in den Regalen. Der Teamchef sieht die Entwicklung mit großer Freude, wenngleich er betont: „An erster Stelle steht für uns der Wettbewerb!“ Und der ist sehr erfolgreich: 2024 – also zwei Jahre nach Gründung des Teams – sicherte sich AO Racing die IMSA-Meisterschaft in der GTD-Pro-Team-Wertung. Der frühere Porsche-Junior und heutige Werksfahrer Laurin Heinrich nahm für AO die Fahrerkrone mit nach Deutschland.
Premiere:
In Sebring ging erstmals Roxy an den Start – das Schwestermodell vom grünen Rexy.Inzwischen hat Rexy Verstärkung bekommen: Roxy, das pinke Schwestermodell. „Wir wollten einen zweiten Charakter schaffen und haben den Mädchen-Dino am Geburtstag von P. J.s Tochter vorgestellt“, verrät Gunnar Jeannette. „Sie soll bei zwei Rennen pro Saison zum Einsatz kommen.“ In Sebring feiert sie in den Händen von Nick Tandy, Harry King und Alessio Picariello ihr Langstreckendebüt. „Danach schicken wir sie auch nach Long Beach. Roxy geht nach Hollywood!“
Manthey – Perfektion als Geschäftsmodell
Was Rexy und Roxy in Nordamerika sind, ist der Grello mit seinem gelb-grünen Neonlook weit über die Nordschleife und Deutschland hinaus: Kult. Dabei symbolisiert er wie kein zweiter Rennwagen die Maßgabe des Porsche-Kundenteams Manthey: schnell auf höchstem Niveau agieren. „Wir haben uns die Messlatte sehr hoch gelegt“, sagt Geschäftsführer Nicolas Raeder, der Manthey gemeinsam mit seinem Bruder Martin führt. „Wenn der Grello irgendwo antritt, dann muss er um den Sieg fahren.“
„Wenn der Grello irgendwo antritt, dann muss er um den Sieg fahren.“
Nicolas Raeder
In diesem Jahr blickt der Eifel-Rennstall, einst von Motorsportlegende Olaf Manthey gegründet, auf eine 30-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Seit der Übernahme durch die Raeder-Brüder und mit dem Einstieg von Porsche im Jahr 2013 hat sich aus dem Team ein Unternehmen mit vier Geschäftsbereichen entwickelt: Racing, Road Cars, Race Cars und Experience. Von 40 Mitarbeitern wuchs die Firma auf mehr als 350. Von Anfang an war Manthey mit der Nordschleife und der Nürburgring-Langstrecken-Serie (NLS) sowie dem dortigen 24-Stunden-Rennen verbunden. „Wir haben schon damals auf einem sehr professionellen Niveau gearbeitet“, sagt Raeder.
Siegerfahrzeug:
Beim zweiten IMSA-Einsatz holte sich der Grello vom Team Manthey den ersten Sieg.Neben verschiedenen Werkseinsätzen für Porsche, etwa in der FIA-Sportwagen-Weltmeisterschaft, wurde 2016 der Grello geboren. Als das Design entstand, war der Name schnell gefunden – eine Mischung aus den englischen Wörtern „green“ und „yellow“. „Ich hatte in den 1990er-Jahren ein Fahrrad in der Farbe“, erklärt Nicolas Raeder. Heute gibt es Strampler im Grello-Design, Fans wollen ihr Auto im gleichen Look gestalten und Kinder schicken selbst gemalte Bilder an das Grello-Zuhause in Meuspath nahe dem Nürburgring. Spätestens seit dem Einstieg als Kundensportteam in die DTM und dem Titelgewinn in den Jahren 2023 und 2025 ist der Grello auch außerhalb der Eifel ein Begriff.
Heute stehen Kunden aus aller Welt Schlange, um bei Manthey in der FIA-Sportwagen-Weltmeisterschaft hinter dem Steuer zu sitzen. 2024 und 2025 gewann die deutsche Mannschaft jeweils die LMGT3-Klasse in Le Mans, in der sich Profis und Amateure die Rennwagen teilen, und fuhr am Jahresende auch die Team- und Fahrertitel ein. „Inzwischen erhalten wir so viele Anfragen, dass wir keine Chance haben, ihnen nachzukommen“, erzählt Nicolas Raeder. Der Markt habe sich weiterentwickelt, die Kunden wollen diese Professionalität einkaufen und mit Manthey Rennen fahren. In dieser Saison ist das Team in der Asian Le Mans Series, der DTM, der IMSA, der NLS, der FIA WEC und der Intercontinental GT Challenge (IGTC) im Einsatz – zusammen mit den anderen Geschäftsbereichen ergeben sich mehr als 150 Events im Jahr.
Geschäftsführer:
2013 haben die Brüder Nicolas und Martin Raeder den Rennstall Manthey übernommen.Wie das funktioniert? Die Antwort lautet immer gleich: Menschen machen den Rennstall zu dem, was er ist. Ob Firmengründer Olaf Manthey, der immer noch wertvolle Hinweise als Beobachter gibt, oder das Team an der Strecke. „Wir ermöglichen unseren Mitarbeitern, sich immer wieder neu zu erfinden“, erklärt Martin Raeder. „Unsere Ingenieure sitzen zusammen und entwickeln ständig neue Ideen. Sie haben viel Freiheit und leben ihre Leidenschaft.“ Entwickelt werden etwa Neuerungen wie die Software „Toolchain“. Damit lassen sich viele Fahrzeugdaten einlesen und vergleichen. Zum Beispiel, wie ein ideales Dämpfer-Set-up aussieht. Über die Jahre hat das Team darüber hinaus etwa eigene Reifenheizzelte oder ein Messradsystem entwickelt – ein Vermessungssystem, das in eine Transportkiste passt – und diese an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Daraus ist der Geschäftszweig „Equipment for Rennsport“ entstanden. Mit dem Einstieg in die IMSA schließt sich der Kreis: Zum einen ist ein Engagement dort eine neue sportliche Herausforderung. Zum anderen bietet der nordamerikanische Markt großes Potenzial für die von Manthey entwickelten Kits für Porsche-Straßensportwagen.
Beide schaffen es aufs Podium
Die zwei Kundenteams zeigen, dass der Weg zum Erfolg keineswegs einheitlich verläuft. Jedes Team schreibt seine eigene Geschichte: Auf der einen Seite steht Manthey, ein Traditionsteam, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung und gewachsenem Know-how. Auf der anderen Seite AO Racing – ein furchtloser Newcomer, der sich in bemerkenswert kurzer Zeit als Marke etabliert und zugleich den IMSA-Titel errungen hat.
Fotofinish:
Am Ende setzte sich Grello vor Roxy. Gemeinsam führten Manthey und AO Racing in Sebring 257 Runden lang – und sorgten so für einen Porsche-Doppelsieg in der GTD-Pro-Klasse.
Auf dem Podium:
Nick Tandy, Harry King und Alessio Picariello vom Zweitplatzierten AO Racing sowie Thomas Preining, Ricardo Feller und Klaus Bachler vom Siegerteam Manthey (v. l. n. r.).In Sebring neigt sich der Langstreckenklassiker jetzt dem Ende zu, Manthey und AO Racing trennen nur Sekundenbruchteile. Plötzlich blitzen Scheinwerfer aus dem Windschatten auf, Grello zieht an Roxy vorbei und überquert um 22.10 Uhr die Ziellinie als Sieger der GTD-Pro-Klasse – ein bedeutender Erfolg und der erste des deutschen Teams in seinem zweiten IMSA-Rennen. „Das war ein typischer Manthey-Sieg“, freut sich Klaus Bachler, der mit Thomas Preining und Ricardo Feller das Fahrertrio des Grello bildete. „Wir hatten keine Fehler, die perfekte Strategie und einen zuverlässigen Wagen.“
Die Fans dürfen sich freuen: Rexy und Roxy dürsten nach Revanche. Das Duell zwischen den wohl berühmtesten Porsche 911 GT3 R der Welt ist noch lange nicht entschieden.