Das zweite Ich

Den SWR3-Radiomoderator Ben Streubel hört man nur zwischen elf und fünf Uhr nachts. Seit vielen Jahren moderiert er eine Nachtsendung – und ist damit der Experte für ein Gespräch über die Nacht. Und was das Dunkel mit den Menschen macht.

Porsche Talks – Baden-Baden

Doppel-Moderation

„Porsche Talks“-Moderatorin Ronja von Rönne hat sich dieses Mal Ben Streubel, Nachtmoderator beim SWR3 in Baden-Baden, als Gesprächsgast eingeladen.
Das Video zu „Porsche Talks“ gibt es hier: http://porsche.de/talks

1997, vier Uhr morgens. Mein Vater betritt leise das Kinderzimmer meines Bruders und mir. „Aufwachen ihr beiden,“ flüstert er, bevor er das Licht einschaltet und in zwei verschlafene Gesichter schaut, die mit einem Schlag hellwach sind, als ihr Blick auf die gepackten Koffer vor ihren Betten fällt. Im Halbschlaf werden Campingkocher, Hundeleine und Kinder in den VW-Bus gestopft, es ist dunkel, durch die Nacht geht es direkt in die Ferien. Die Welt wirkt fremd in diesen geheimnisvollen Stunden, eingezwängt zwischen Kühlbox und dem Hund auf dem Boden, der Inbegriff von Geborgenheit mit einer aufregenden Note Spannung, im Hintergrund läuft Genesis. 

Nachtfahrt durch Baden-Baden

Seit damals liebe ich es, durch die Nacht zu fahren. Manche machen Yoga, mich entspannt das Fahren durch das Dunkel. Deswegen freue ich mich besonders, dass ich meinen Gast nicht nur tagsüber, sondern auch spätabends durch Baden-Baden fahren darf. Mein Beifahrer Ben Streubel ist Nacht-Experte: Als Radiomoderator der Sendung „ARD-Popnacht“ gibt es wohl keinen, der sich besser mit dem ruhigeren, dunkleren Deutschland auskennt, das so anders ist als die hektische, gut ausgeleuchtete Gegenwart, die uns am Tage begegnet.

Ben Streubel ist viel mehr als ein Moderator:
Er ist Seelentröster, Aufmunterer, Therapeut, Entertainer – und manchmal sogar Retter in der Not.

Kleiner Nachteil, wenn man sich mit jemandem verabredet, der nachts arbeitet: Da Streubel ab 22 Uhr im Sender sein muss, findet unsere „Nachtfahrt“ zur Hälfte am helllichten Tage statt. Aber ist der Unterschied wirklich so groß? Ja, meint Streubel. Nachts sei die Atmosphäre im Sender, in dem sonst viel Trubel herrscht, völlig anders. Keiner überwache ihn, die Nacht ist für ihn nicht nur Arbeitszeit, sondern auch kreativer Freiraum. Man muss sich ein dunkles, großes Gebäude vorstellen, verwaiste Arbeitsplätze, ein beleuchtetes Studio, Ben Streubels zweites Zuhause in der Nacht.

Selbst die Kommunikation mit den Hörern unterscheide sich stark vom Tag. „Nachts kommt das zweite ‚Ich‘ zum Vorschein“, erzählt er. Er hat Stammhörer, viele davon Nachtarbeiter, Ärztinnen, Krankenpfleger, Polizisten oder einfach Menschen, die nachts wach sind. Einige rufen regelmäßig bei ihm an, erzählen von ihren Sorgen, vertrauen sich Streubel an oder wollen einfach eine witzige Anekdote loswerden. Die Nacht wirkt demaskierend, sie wirft Hemmungen ab und ist Katalysator für das eigene Ich. Man kennt das: Erst tief in der Nacht ist es endlich ruhig genug, um all den hadernden, zweifelnden und traurigen Stimmen in sich Gehör zu schenken.

Seelentröster und Entertainer

Und so ist Streubel eigentlich viel mehr als ein Moderator: Er ist Seelentröster, Aufmunterer, Therapeut, Entertainer und sogar Retter in der Not, als einmal ein 18-Jähriger panisch anrief, der sich mit dem Auto seines Vaters festgefahren hatte. Streubel startete einen Aufruf, und tatsächlich ließ sich ein Landwirt in der Nähe erweichen und zog den Wagen mit seinem Traktor aus dem Schlamm. Ein anderes Mal meldete sich ein ganz besonderer Anrufer: Udo Lindenberg. Beziehungsweise, so war Streubel sich damals sicher, konnte es sich nicht um den wahren Udo handeln, wieso sollte der anrufen? Er tippte auf den Spaß eines Kollegen – bis Udo mit Details aus seinem Leben auspackte und sich als der echte Rockmusiker herausstellte. Die beiden verbindet bis heute eine Freundschaft, Streubel war schon oft mit ihm in seinem Porsche unterwegs.

Apropos Porsche: Im Gegensatz zu den Reisen meiner Kindheit und dem alten Dieselbus sind wir heute anders unterwegs. Der Panamera Turbo S E-Hybrid hat zwar 500 kW (680 PS), schweigt sich aber im Elektrobetrieb fast lautlos durch die Stadt. Bis er vor dem Haupteingang des SWR kurz vor zehn Uhr zum Stehen kommt. Für mich bedeutet das: Feierabend. Für Streubel ist es hingegen der Anfang einer weiteren Nachtschicht, in der er sich um die Unterhaltung von nächtlichen Autofahrern, Schlaflosen und Nachtarbeitern kümmert. Später schalte ich kurz vor dem Zubettgehen noch das Radio ein. Und höre Streubel. Gute Nacht, Ben Streubel, denke ich. Und schlafe kurz darauf ein. 

Verbrauchsangaben

Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid
Kraftstoffverbrauch (in l/100 km) kombiniert: 3,3
CO2-Emissionen (g/km) kombiniert: 74
Stromverbrauch (kWh/100 km) kombiniert: 16,0

Ronja von Rönne
Ronja von Rönne

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