Gipfeltreffen am Gotthardpass

Vor 20 Jahren kreierte die Entwicklungsabteilung von Porsche den ersten 911 GT3 als strassentaugliches Rennsportgerät. Seine wahre Bestimmung findet der Leichtbau-Elfer nach wie vor in den Schweizer Alpen.

Jubiläum


Der Porsche 911 ist nicht nur der vielseitigste Sportwagen, den man sich vorstellen kann, für fast jede Traumstrasse der Welt wird herrlicherweise auch die passende Variante gebaut. Der Turbo ist nach wie vor der ultimative GT für Deutschlands endlose Autobahnbänder, mit dem Speedster erhielt das kalifornische Klientel einst seine eigene puristische Variante für pazifische Panoramafahrten – und für die Serpentinenstrassen der Schweizer Alpen scheint der leichte und agile Porsche 911 GT3 mit Saugmotor, Handschaltung und Heckantrieb wie geschaffen zu sein. Kein Wunder also, dass sich der strassenzugelassene Spitzensportler seit seiner Markteinführung im Jahr 1999 mehr als 800 Mal in der Schweiz verkauft hat – obwohl es im Land gar keine Rundstrecke gibt. 

Familienähnlichkeiten:

Familienähnlichkeiten:

Zusammen stehen das erste und das neueste Porsche 911 GT3 Modell für 20 Jahre rennsportliche Leistung mit Strassenzulassung.

Denn eigentlich wurde der erste GT3 ja vor zwei Jahrzehnten als grenzüberschreitendes Sportgerät für Strasse und Rennstrecke konzipiert. Im Frühjahr 1999 debütierte die erste Generation des puristischen Strassensportlers auf dem Genfer Salon. Entwickelt von den Porsche-Motorsportspezialisten aus Weissach, dem Renningenieur Roland Kussmaul und vom zweifachen Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, brachte der Porsche 911 GT3 von Anfang an rennstreckentaugliche Agilität und beeindruckende Fahrleistungen auf die Strasse. Tatsächlich wurde die Entwicklungsarbeit mit unzähligen Klassen- und Gesamtsiegen im Langstreckensport gekrönt – etwa bei den 24 Stunden von Spa Francorchamps, den 24 Stunden von Daytona und den 24 Stunden am Nürburgring, die der GT3 seit dem Jahr 2000 gleich sieben Mal gewann. 

Die Erfahrung aus dem Motorsport zahlt sich jedoch nicht nur beim Wochenendsprint über die Nordschleife aus: Auch auf den Passstrassen der Alpen ist die Kombination aus Leichtbau, Dynamik, Reaktionsfreudigkeit und Kraft das ideale Rezept für wunderbare Fahrerlebnisse. Und was könnte es für eine Jubiläumsfahrt der GT3-Generationen im Sommer diesen Jahres für eine bessere Strecke geben, als die „grosse Passrundfahrt“ der Schweizer Zentralalpen über den Gotthard-, den Nufenen-, den Grimsel- und den Sustenpass? Auf 164 Kilometern feinster Berg- und Talstrecke findet man schliesslich einige der schönsten Kurven der Welt und die perfekte Topographie, um der Evolution des Porsche 911 GT3 in seinen Entwicklungsstufen nochmals mit allen Sinnen nachzuspüren.

Kurvenfest:

Kurvenfest:

Wie könnte man das Jubiläum des Porsche 911 GT3 besser feiern als mit einer Serpentinenfahrt durch die Schweizer Alpen?

Los geht es von Andermatt hinauf zur Passhöhe des Gotthards. Noch Anfang Juni türmte sich hier rechts und links der Strasse der Schnee, die meisten Pässe der Region waren bis dahin geschlossen. Doch glücklicherweise sind die Strassen nun trocken. Auch wenn der erste Porsche 911 GT3 über eine Strassenzulassung verfügt, aufs hochalpine Glatteis möchte man sich doch nicht gleich mit ihm wagen. Im Vergleich zu seinem rasanten Vorgänger, dem luftgekühlten Porsche 911 Carrera RS der Baureihe 993, hatte die GT-Sportversion des wassergekühlten 996 kurz vor dem Jahrtausendwechsel nochmals deutlich an Schneid gewonnen: Der 3,6 Liter Sechszylinder-Boxermotor war eine Weiterentwicklung des Rennmotors aus dem Le-Mans-Siegerwagen Porsche 911 GT1 und leistete mit 360 PS bei 7.200/min genau 100 PS pro Liter, das maximale Drehmoment von 370 Newtonmetern wurde bei 5.000/min lautstark erreicht. 

164 Kilometer feinste Berg- und Talstrecke.
Zwischen Gotthard- und Sustenpass liegen die schönsten Kurven der Welt.

Auf den lang gezogenen Kurven von Hospental hinauf zur Gotthard-Passhöhe beeindruckt der Ur-GT3 auch 20 Jahre nach seinem Debüt mit seiner Durchzugskraft, während sich der konsequente Leichtbau und Verzicht auf jeglichen Komfort bei rund 10 Prozent Steigung spürbar auszahlen. Tatsächlich fordert der Wagen volle Konzentration und das straffe Fahrwerk sorgt dafür, dass man in seinen Sportsitzen keine Bodenwelle verpasst. Auf der Südrampe des Gotthardpasses, die in waghalsigen Kehren und auf frei schwebenden Viaduktbrücken hinab nach Airolo führt, sind es dann die im Vergleich zum zeitgenossischen Porsche 911 Carrera deutlich vergrösserten und verstärkten Bremsen, die einem trotz knisterndem Boxermotor und beindruckendem Schub das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit vermitteln. Bei keinem anderen Elfer dieser Epoche ist das Spiel mit Gas- und Bremsfuss derart anregend, das Fahrerlebnis gleichzeitig so fordernd und so befriedigend. 

Am Steuer des Porsche 911 GT3 der Generation 997 geht es hinauf zum Nufenenpass; mit 2.478 Metern der höchste Alpenpass der Schweiz. Die Strasse zur Passhöhe mit ihren rohen Betonplatten ist durchaus eine fahrerische Herausforderung – doch der 3,6 Liter Saugmotor im Heck schiebt mit 415 PS und 405 Newtonmeter bei 5.500/min kraftvoll und drehfreudig in Richtung Gipfel. Auch die Übersetzung des Schaltgetriebes ist nochmals kürzer geworden und ermöglicht eine verblüffend agile Kurvenhatz. Das aktive Fahrwerk und die Traktionskontrolle sorgen derweil für eindrucksvollen Halt auf den natürlichen Kies- und Tauwasserschikanen, die das Hochgebirge zu bieten hat. So atemberaubend wie der Blick auf die Berner Alpen von der Passhöhe ist auch die Verzögerungskraft der für den Renneinsatz optimierten, auf einer steilen Alpenstrasse wie dem Nufenenpass tatsächlich lebenswichtigen Bremsen, die den dröhnenden Rennsportler immer wieder einfangen. Beglückt, doch auch ein wenig erleichtert umfasst man nach der wilden Fahrt durch die Haarnadelkurven im Aeginental das Alcantaralenkrad. Was für ein Ritt!

Harte Tour:

Harte Tour:

Im ersten Porsche 911 GT3 spürt man wirklich noch jeden Pflasterstein der Tremola unter den Reifen.
Rennerprobt:

Rennerprobt:

Die GT3-Generationen verbindet ihre Sportlichkeit.

Ein Porsche 911 GT3 fordert von seinem Fahrer stets volle Konzentration.

Für das grosse Finale der Passrundfahrt über den Grimsel- und den Sustenpass steht schliesslich der neueste Porsche 911 GT3 der Generation 991 aus dem Jahr 2017 parat. Mit Handschaltung und 500 PS starkem Vierliter-Saugmotor ist der Strassensportler der Lieblingselfer aller Puristen – und das perfekte Kurvensportgerät für eine anspruchsvolle Alpenfahrt. Es ist verblüffend, wie sich das Fahrerlebnis seit dem ersten Porsche 911 GT3 verändert hat: Mit unglaublicher Kraft und Souveränität schiebt der GT3 hinauf in Richtung Grimselhospiz und trotz seiner vergleichsweise stolzen Abmessungen nimmt er die Kurven und Kehren mit eindrucksvoller Agilität – der aktiven Hinterachslenkung sei dank. Den Ingenieuren ist es tatsächlich gelungen, den Porsche 911 in ein motorsportliches Hightech-Wunderwerk zu verwandeln – und doch ist das Fahrgefühl beim hochalpinen Schalten, Gasgeben und Bremsen so ungefiltert, wie man es sich als schweizerischer Serpentinenliebhaber von einem Sportwagen mit dem Schriftzug GT3 auf dem Heck nur wünschen kann.

Jan Baedeker
Jan Baedeker
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