Inside E: das TAG Heuer Porsche Formel-E-Team

Was Sie schon immer über den 99X Electric und die Mannschaft dahinter wissen wollten.

  

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„Vor dem Rennen muss jedes Wenn-dann-Szenario abrufbereit sitzen. Ob Fanboost-Einsatz oder Reifenschaden.“ Amiel Lindesay
Amiel Lindesay

Amiel Lindesay

Sein Wort hat Gewicht. Er gibt auch im Renneinsatz an der Box die Kommandos. Seine Strategie haben Mechaniker und Fahrer umzusetzen. Der Neuseeländer ist erprobt in der Formel 1 und in Le Mans.

Der Stratege

Funktion: Einsatzleiter Formel E
Alter: 43
Bei Porsche seit: 2012

Effizienz ist das Mantra von Amiel Lindesay, dem Einsatzleiter des TAG Heuer Porsche Formel-E-Teams. Seine Mechanikertruppe in der Box wird kleiner sein, als er das aus anderen Motorsportserien kennt. Die zu erledigenden Aufgaben bleiben aber die gleichen. „Das heißt, dass wir alle nicht bloß einen Job haben, sondern gleich mehrere“, sagt Lindesay. Vor seinem Engagement in der Formel E erarbeitete er mit einem wesentlich größeren Team die Rennstrategie für die Porsche-LMP1-Einsätze. Eine kleinere Truppe ist für Lindesay jedoch kein Nachteil. „Wir kennen uns untereinander viel besser und sind eine coole, kompakte Familie“, beschreibt der gebürtige Neuseeländer das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team. Bei den 24-Stunden-Rennen war Lindesay für seine ausgeklügelten Boxenstopp-Strategien bekannt. In der Formel E kann er keine Stopps mehr planen – das Reglement sieht keine vor. Dennoch gebe es auch in der vollelektrischen Rennserie Möglichkeiten, wertvolle Zeit zu gewinnen. „Erhält einer meiner Fahrer den Fanboost, muss er die Zusatzpower, die ihm dann zur Verfügung steht, auch im genau richtigen Moment einsetzen“, sagt Lindesay. Zudem müsse in der Formel E jederzeit mit Kollisionsschäden gerechnet werden: „Wir fahren echte Straßenrennen. Hier gibt es keine Auslaufzonen. Wer einen Fehler macht, der hat Kontakt mit der Mauer.“ Dass die Leistungsdichte in der Formel E besonders groß ist, spornt ihn eher an. „Im Rennsport hat man doch immer den Anspruch, Erster zu sein – egal, wer da sonst noch seine Runden dreht.“

„Das Formel-E-Format lässt Dir kaum Zeit zum Nachjustieren der komplexen Technik.“ Malte Huneke
Malte Huneke

Malte Huneke

Er wachte schon beim 919 Hybrid über die Performance und musste für den Porsche 99X Electric umdenken. Was in der Langstrecken-WM drei Tage dauert, komprimiert die Formel E in einen.

Der Chefcoach

Funktion: Technischer Projektleiter & Leiter Fachgruppe Performance Formel E
Alter: 39
Bei Porsche seit: 2005

Neuschnee zum Neustart. „Der erste Rollout des Porsche 99X Electric fand im März auf unserer Teststrecke in Weissach statt. Es hatte geschneit und war knackig kalt – eine ganz besondere Atmosphäre“, sagt Malte Huneke. „Und dann jagte unser neuer Rennwagen zum ersten Mal über die Piste.“ Huneke ist Technischer Projektleiter des TAG Heuer Porsche Formel-E-Teams. Sein Job: das Hightech-Puzzle des 99X Electric rechtzeitig zusammenzusetzen, die Technik zuverlässig, das Auto schnell zu machen. Reichlich Verantwortung für den 39-Jährigen. Das ist ihm nicht fremd. Vor seinem Engagement in der Formel E war Huneke Head of Performance im erfolgreichen Porsche LMP1-Team. Jetzt, in der Formel E, werden die Einsatzzeiten deutlich kürzer – und gerade das ist Hunekes große Herausforderung. Zeit für Feinjustierungen oder Reparaturen bleibt zwischen Qualifying und Rennen kaum noch. Beides findet in der Formel E am selben Tag statt. Schnelligkeit ist der eine Erfolgsfaktor, der andere ist das möglichst perfekte Energiemanagement. Deshalb trainiert das Einsatzteam genau das zusammen mit den Fahrern auf der Teststrecke oder im Simulator. Auf diese Weise sollen die Porsche-Piloten Neel Jani und André Lotterer das Gefühl für den 99X Electric bekommen und wissen, wann der Wagen am effektivsten rekuperiert – also Energie zurückgewinnt. „Bei unseren Simulationen fehlen uns natürlich echte, realistische Gegner“, räumt Huneke ein. Deswegen tut er sich auch mit Prognosen schwer, sein Ziel aber ist ganz klar: „Wir wollen so schnell wie möglich aufs Podium.“

„Ein gutes Teammanagement ist nicht sichtbar, regelt aber alles.“ Carlo Wiggers
Carlo Wiggers

Carlo Wiggers

Sein Team kümmert sich um alles Organisatorische: von den Hotelbuchungen bis zur medizinischen Versorgung. Dazu pflegt der zweifache Familienvater die Beziehungen zu Sponsoren und Partnern.

Der Manager

Funktion: Leiter Team Management & Business Relations Porsche Motorsport
Alter: 43
Bei Porsche seit: 2013

„Im klassischen Motorsport hat man eine Boxenanlage und Gelegenheit, sich dort optimal einzurichten. Außerdem erlaubt der Zeitplan immer wieder Meetings für Programmupdates. In der Formel E gibt es beides nicht.“ Umso wichtiger ist es, dass alle Mitarbeiter des Einsatzteams rings um die Veranstaltung ideale Bedingungen vorfinden, um maximale Leistung bringen zu können. Das ist die Aufgabe von Carlo Wiggers. Vor der Saison bereitete er auch eine Liste von potenziellen Teamfahrern für den 99X Electric vor. „Die Verpflichtung von Neel Jani und André Lotterer haben unser Motorsport-Chef Fritz Enzinger, Amiel, Malte, Pascal und ich gemeinsam vorbereitet. Final entschieden wird im Vorstand“, sagt Wiggers, der neben dem Teammanagement auch den Bereich Business Relations leitet. Später kamen Simona De Silvestro und Thomas Preining als Test- und Entwicklungsfahrer hinzu. „Wir achten darauf, dass die Fahrercrew zum Team und auch zur Marke Porsche passt.“ Bei Jani und Lotterer keine Frage, sie waren bereits im LMP1-Team dabei. Was auch für Sponsoren zutrifft: „Einige Partnerschaften sind über unser LMP1-Engagement entstanden, jetzt sind sie mit uns in die Formel E gewechselt.“ Vom neuen Rennsportprojekt konnte Wiggers die Unternehmen schnell überzeugen. „Die Formel E spricht eine junge Zielgruppe an, die wir mit klassischem Motorsport nicht erreichen können. Die Serie findet nicht auf traditionellen Rennstrecken statt, sondern dort, wo die Zielgruppe lebt: im urbanen Umfeld“, meint Wiggers. Angst vor einer zu großen Erwartungshaltung in der Debütsaison hat er nicht: „Als wir 2014 nach Le Mans zurückkehrten, war die erfolgreiche Le-Mans-Historie von Porsche stark zu spüren. Aber in der Formel E gibt es diesen historischen Druck nicht.“ Außerdem, so Wiggers, sei es der Kern des Rennsports, sich mit den Besten zu messen. „Und das geht nur da, wo derzeit die Besten fahren. In der Formel E.“

„Die umkämpfteste Rennserie der Welt.“ Pascal Zurlinden
Pascal Zurlinden

Pascal Zurlinden

Beim gebürtigen Franzosen laufen alle Fäden zusammen. Er leitet nicht nur das TAG Heuer Porsche Formel-E-Team, sondern ist auch für den GT-Werkssport des Sportwagenherstellers verantwortlich.

Der Visionär

Funktion: Gesamtprojektleiter Werksmotorsport
Alter: 37
Bei Porsche seit: 2014

„Der 99X Electric wird Geschichte schreiben“, ist sich Pascal Zurlinden sicher. Und er sollte es wissen. Denn Zurlinden war zunächst als Test-, dann als Strategieingenieur maßgeblich an den Erfolgen des Porsche LMP1-Teams und der GT-Fahrzeuge beteiligt. Seit September 2019 ist er Gesamtprojektleiter Werksmotorsport. In dieser Position will er dafür sorgen, dass die Geschichte von Porsche in der Formel E eine erfolgreiche wird. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass den Franzosen die Faszination für die Formel E gepackt hat: Erst im vergangenen Juli, beim E-Prix in New York, hat Zurlinden das erste Rennen der Serie live gesehen: „Ich finde es beeindruckend, wie eng es in der Formel E zugeht. Zum einen fahren die Autos dicht an dicht. Zum anderen passiert all das unmittelbar vor den Augen der Zuschauer.“ Den 37-Jährigen ärgert es maßlos, wenn Kritiker der Formel E vorwerfen, sie sei kein richtiger Rennsport. „Wer das behauptet“, sagt Zurlinden, „der sollte sich erst mal ein Rennen anschauen. Das ist echtes, knallhartes Racing. Ich bin mir sicher, dass die Formel E künftig immer mehr Zuschauer anlocken wird.“ Nur als geschlossene Einheit habe Porsche in der Rennserie eine Chance – dazu tragen manchmal schon ganz grundlegende Maßnahmen bei: Jeden Morgen etwa begrüßen sich alle Mitglieder des TAG Heuer Porsche Formel-E-Teams persönlich mit Handschlag und schauen sich dabei in die Augen. „Schon ein kurzer Blick ins Gesicht des anderen muss genügen, um zu wissen, wie es ihm geht und ob er meine Unterstützung braucht“, erklärt Zurlinden. Denn an den Renntagen muss alles passen. Zeit für Diskussionen gibt es zwischen den Sessions so gut wie keine. Die Verständigung im Team muss blitzschnell funktionieren. „Dann“, so Zurlinden entschlossen, „ist es für uns auch in der Debütsaison möglich, aufs Podium zu fahren.“

Das Porsche-Gen im 99X Electric

Chassis
Das zweite Einheitsfahrzeug in der Geschichte der Formel E heißt „Gen2“ und wurde 2018 vorgestellt. Auf einer entsprechend langen Geraden kann es bis zu 280 km/h erreichen. 

Reifen
Im Sinne der Kosteneffizienz rollen in der Formel E alle Rennwagen auf den gleichen 18-Zoll-Reifen von Hersteller Michelin. Auch bei Regen – es sind Allwetterpneus.

Halo
LED-Streifen zieren den Kopfschutz aus hochfestem Titan. Leuchten sie Magentarot, fährt das Auto im Qualifying-Modus oder profitiert vom Fanboost. Blau signalisiert den Attack-Mode im Rennen.

Antrieb
Elektromotor, Umrichter, Getriebe, Differenzial, Antriebswellen, die Kühlung der Komponenten sowie das Steuergerät sind Eigenentwicklungen. Die Heckstruktur um den Antrieb und das hintere Fahrwerk stammen ebenfalls aus Weissach.

Abtrieb
Statt eines klassischen Heckflügels prägt der sogenannte X-Wing die markante Heckansicht des Porsche 99X Electric. Ein großer Diffusor sorgt für Anpressdruck.

Aerodynamik 
Gegenüber anderen Formelserien sind die Radkästen in Fahrtrichtung verkleidet. Das ist strömungsgünstig und dient der Sicherheit, weil die Autos bei einer Kollision nicht so leicht aufsteigen.

Lenkrad
Die Fahrer halten einen Computer in den Händen. Auf verschiedenen Knöpfen und Reglern sind unterschiedliche Software-Programme für das Energiemanagement hinterlegt.

Batterie
Der Speicher ist für alle gleich. Voll geladen stellt der Lithium-Ionen-
Akkumulator 52 Kilowattstunden bereit.

Bremsen 
Das Brake-by-Wire-System regelt, ob hydraulisch-mechanisch mit Hilfe der Bremsscheibe verzögert wird oder mit der E-Maschine, um Energie zurückzugewinnen (Rekuperation).

„Einheitskomponenten“ – diesen Begriff kennen die Porsche-Renningenieure bis dato allenfalls aus dem Carrera Cup. In Le Mans oder bei den Rennen der WEC hingegen ist es der Sportwagenhersteller gewohnt, sich bei der Konstruktion seiner Fahrzeuge vergleichsweise wenig diktieren zu lassen. Porsche betritt mit seinem Einstieg in die Formel E Neuland: 80 Prozent der Komponenten des neuen vollelektrischen Rennwagens 99X Electric gibt das Reglement vor: Chassis und Batterie sind für alle Starter gleich. Bleiben 20 Prozent, bei denen Porsche zeigen kann, was Porsche ausmacht. Entwickelt haben die Ingenieure in Weissach – neben Heckstruktur und hinterem Fahrwerk – einen Antriebsstrang mit höchstem Wirkungsgrad, den Porsche E-Performance Powertrain.

Dabei kam Porsche die Erfahrung aus dem sportlich überaus erfolgreichen LMP1-Rennwagen 919 Hybrid zugute. „Die in dieser Zeit gewonnenen Erkenntnisse haben wir in die Entwicklung des Porsche Formel-E-Antriebsstrangs einbezogen“, sagt Malte Huneke, Technischer Projektleiter Formel E. So kommt im Porsche 99X Electric etwa auch jene 800-Volt-Technologie zum Einsatz, die im 919 Hybrid erschlossen wurde und im ersten vollelektrisch angetriebenen Seriensportwagen, dem Taycan, in Serie ging. Auch der aus dem Taycan bekannten permanent-erregten Synchronmaschine (PSM) kam bei der Optimierung des Antriebskonzepts für den 99X Electric eine bedeutende Rolle zu – typisch Porsche. Serie und Rennsport befruchten sich in altbewährter Tradition gegenseitig. 

Axel Stubbe
Axel Stubbe
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