Schöne alte Welt

Mitte der 1960er-Jahre wurde die Welt bunt – Flower-Power statt schwarzer Anzüge, Farbfilm statt monochromer Fotografie. Der neue Geist erfasste auch die Rennstrecken. Fotograf Horst H. Baumann setzte den Motorsport neu in Szene.

New York, 1965. Kunstkritiker Tom Wolfe, selbst Stilikone und wohl der erste Lifestylejournalist der Welt, betrachtet abwechselnd ein Farbfoto und den Fotografen. Horst H. Baumann steht absolut bewegungslos, erwartet in der Gallery of Modern Art den Kommentar des Schriftstellers. Sein Werk, es zeigt den zweifachen Formel-1-Weltmeister Jim Clark im Lotus, ist eine Farbexplosion aus Grün und Gelb. Der Wagen scheint sich regelrecht zu verbiegen. Legt sich um die Kurve, um den Betrachter. „That’s pretty close“, urteilt Wolfe schließlich und beschreibt damit treffend den Anspruch von Autodidakt Baumann.

Der Spitzenreiter

Der Spitzenreiter

Jim Clark beim Großen Preis von England 1963 in Silverstone, den er auf Lotus gewann.
Vorbereitung

Vorbereitung

Großer Preis von Deutschland 1962: Dan Gurney in seinem 8-Zylinder-Porsche als Trainingsschnellster auf Startplatz Nr. 1. Rechts neben ihm: Jo Bonnier, ebenfalls auf Porsche.
Informationen

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Was den Fahrer wirklich interessiert: Position und Vorsprung auf die Konkurrenten. Die Signale aus einer anderen Zeit.

Dicht dran zu sein – das ist sein Credo. Dabei lässt sich diese Nähe nicht immer in Zentimetern messen. Manchmal, wie bei Clark, klebt Baumann nahezu am Objekt. Volles Risiko. Volle Emotion. Andere Motive berühren eher durch die Nähe des Augenblicks, obwohl Baumann aus der Distanz fotografiert.

Hippie-Porsche

Hippie-Porsche

Mit dem Porsche 917 L fahren Gérard Larousse und Willi Kauhsen in Le Mans 1970 auf den zweiten Platz.
Volle Konzentration

Volle Konzentration

Stirling Moss kurz vor dem Start zu einem kleinen Rennen im Jahr 1962 in Snetterton, Großbritannien.
Auffahrt

Auffahrt

Durch den Tunnel vom Fahrerlager zur Rennstrecke fährt ein Formel-1-Cooper im Jahr 1962. Der Blick des Fahrers gilt der Frau mit dem Schirm.

Manchmal klebt Baumann nahezu am Objekt. Volles Risiko. Volle Emotion.

50 Jahre nach dem Aufbruch der Jugend, nach Beginn der 68er-Bewegung, zeigen die Aufnahmen von Baumann auch, wie sich die Formel-1-Welt emanzipiert hat. Sein neues Bild des Motorsports erscheint erstmals 1965 im Kultbuch Die neuen Matadore, das seit Jahrzehnten vergriffen ist, aber nun – als Hommage an den frühen Meister der Nähe – wohl eine Neuauflage erleben wird. „Die neuen Matadore“ sind die Rennfahrer. Er zeigt sie leuchtend, direkt und in voller Farbe.

Zeitkontrolle

Zeitkontrolle

Joakim Bonniers Gattin Marianne in der Porsche-Box beim Großen Preis von Deutschland.

Dennoch ist da kein Kitsch. Vieles bleibt in der Tonalität eines Aquarells. So entwickelt sich für den Betrachter ein zwar buntes, aber vor allem romantisches Bild dieser goldenen Rennsportjahre. Der 1934 geborene Fotograf war fasziniert vom Zauber der Tribünen mit ihren selbstbewussten Frauen, aber auch von der Ästhetik der Rennstrecke. Gemälden gleich, komponiert er die Wagen in Fahrt – bis hin zum erschöpften Asphalt, über dem die Zielflagge schwebt.

Magische Momente: Baumann fängt die Nähe eines Augenblicks ein wie kein anderer.

Letzte Runde

Letzte Runde

Jeden Moment muss der Spitzenreiter in die Zielgerade einbiegen. Nürburgringstarter Leo Freiherr von Diergardt erwartet den Sieger.

Horst H. Baumann

Der 1934 in Aachen geborene Künstler studierte Hüttentechnik, Pädagogik sowie Philosophie und Medien. Berühmtheit erlangte er als Fotograf, Designer und Lichtkünstler. Seine Arbeiten waren bereits in der damaligen Gallery of Modern Art in New York und auf der Biennale des Jeunes in Paris ausgestellt.

Edwin Baaske
Edwin Baaske